Können Sie auch altweiß?

Es war einer dieser Winter-Sonntage, im Fernsehen lief nur Mist, der von anderem Mist unterbrochen wurde und die Sonne schien lang und hell. So hell, dass es mir schwer fiel, die dunklen Verfärbungen in den oberen Zimmerecken länger zu ignorieren. Fünf Jahre war es her, dass die Wände das letzte Mal frische Farbe gesehen hatten. Ich entschied mich, das Malen zur Abwechslung einem echten Profi zu überlassen, anstatt wie beim letzten Mal meine Kleidung weiß zu färben.

Gesagt getan, am darauf folgenden Montag suchte ich mir im Büro die Telefonnummern einiger Maler heraus, nahm mein Mobilteil und wählte die erste Nummer.

“Malermeisterbetrieb Steppmüller?”

“Guten Tag, hier Apostolou. Ich beabsichtige meine Wohnung anstreichen zu lassen. Ich möchte Sie zu einem Pitch einladen. Wann können Sie kommen?”

“Pisch? Sie meinen Kostenvoranschlag!?”

“Nein … Pitch mit t´ ohnes´ in der Mitte. Da streichen Sie vorab kostenlos einen Teil der Wohnung, um Ihre Kompetenz in Sachen Altweiß unter Beweis zu stellen.”

“Also … Sie wollen, dass ich Ihnen ein Zimmer streiche? Umsonst?? Damit Sie beurteilen können, ob ich anstreichen kann? Hören Sie mal, ich bin eingetragener Meister, ich streiche seit 20 Jahren …”

“Ja, deswegen habe ich mich auch entschieden, Sie zum Pitch einladen. Sie haben einen super Ruf in der Branche. Wissen Sie, mir – und vor allem meiner Partnerin – liegt die Qualität am Herzen. Außerdem möchten wir wissen, wie es so um Ihre Kreativität bestellt ist.”

“Wie Kreativität? Soll ich die Wohnung nun weiß streichen oder was?”

“Na ja, Sie wissen schon, Ihr Strich und so. Der persönliche Stil …”

“Das wird mit der Rolle gemacht. Inne Farbe rein, übers Abtropfgitter und auffe Tapete. Abrollen, Zack, Fertig! Das mach ich nun so seit 20 Jahren. Wie mein Vater davor und davor mein Großvater.”

“Das weiß ich auch zu schätzen. Ich beobachte die Entwicklung Ihres Unternehmens schon lange und kenne viele Ihrer exzellenten Arbeiten.”

“Dann wissen Sie doch, wie wir arbeiten.”

“Ja und nein. Wissen Sie, jedes Zimmer ist anders, hat individuelle Bedürfnisse. Sie müssen wissen, dass ich mir seit 41 Jahren Wände anschaue. Glauben Sie mir, Ich weiß inzwischen genau, wann mir eine Wand gefällt und wann nicht. Das muss schon alles passen.”

“Was muss passen? Die Farbe? Die bestimmen Sie doch?”

“Ja, ja, ja … aber wir müssen uns ja auch etwas beschnuppern, prüfen, wie die Zusammenarbeit so läuft. Das muss ich schon in meiner eigenen Wohnung sehen.”

“Wie jetzt Zusammenarbeit? Ich komme mit dem Gesellen und male die Wohnung, Sie schreiben einen Scheck. Fertig is.”

“Da lassen Sie aber eine Menge aus. Ich erwarte einen Zwischencheck um die Richtung festzulegen. Dann müssen meine Bekannten und Freunde den fertigen Anstrich sehen. Kann sein, dass Sie dann noch mal ran müssen.”

“Verstehe ich das richtig? Sie sagen ich soll altweiß malen, und wenn ich fertig bin, sagt Ihr Freund, rot wäre besser, so dass ich gratis noch mal alles in rot streichen darf …?”

“Jetzt verstehen wir uns. Außerdem ist meine Partnerin sehr eigen. Wenn Sie für uns arbeiten, müssten Sie sich verpflichten für ein Jahr keine Wohnung in Eppendorf und vor allem keine in altweiß zu streichen. Wir hätten da schon gern etwas Exklusivität.”

Klick … tut-tut-tut-tut

“Hallo …?”

Zu meinem Erstaunen verliefen die Gespräche mit den anderen Malermeistern, die ich mir aus dem Telefonbuch gesucht hatte, ähnlich. Keine Flexibilität, weder Kompromissbereitschaft, noch eine Spur von Höflichkeit. Einer der Malermeister hatte sogar die Chuzpe diverse kaum schmeichelhafte Vermutungen über meine Abstammung und meine Mutter zum Besten zu geben. Obwohl das nun wirklich nichts zur Sache beitrug. Ein anderer fragte mich, ob ich von `Verstehen Sie Spaß´ sei?

Ich fragte mich derweil eher, ob dieser Hans-Werner Sinn nicht eventuell doch recht mit seinem Buch hatte. Geht es uns Deutschen zu gut? Hat Handwerk goldenen Boden?? Warum bin ich dann in der Werbung???

Da war ich nun bereit, den Anstrich für meine Wohnung auszuschreiben – zwar ohne Garantien und mit jeder Menge Verpflichtungen – aber für immerhin knapp mehr als einen Euro die Stunde plus Material.

Egal, was soll’s? Dann nehme ich eben die billigen Polen, die mein Vermieter immer für alle seine Wohnung benutzt.

Ach verdammt. Da fällt mir ein: die muss ich ja laut Mietvertrag eh nehmen. Das sind die Lead-Maler meines Vermieters.

  • Veröffentlicht durch CEO um 09:27